Warum die aktuelle Produktivitätsdebatte am Wesentlichen vorbeigeht — und was KI damit zu tun hat. Ein Beitrag von Cornelia Wirth.

„Die Deutschen müssen wieder mehr arbeiten.“ Diesen Satz höre ich derzeit in vielen Varianten — aus der Politik, aus den Wirtschaftsverbänden, in Talkshows. Und jedes Mal frage ich mich: Wer hat eigentlich nachgerechnet, ob das stimmt? Und wer hat sich gefragt, ob es überhaupt die richtige Frage ist?

Seit über 25 Jahren begleite ich als Coach und Trainerin in Wiesbaden Führungskräfte und Mitarbeitende in genau dem Spannungsfeld, das hier verhandelt wird — zwischen Leistungsdruck und Erschöpfung, zwischen Anspruch und Sinn, zwischen „immer mehr“ und „kaum noch zu schaffen“. Was ich sehe, passt nicht zur politischen Erzählung. Es passt sogar gefährlich schlecht dazu.

Anwesenheit ist nicht Wertschöpfung

Die aktuelle Debatte verwechselt zwei Dinge, die früher dasselbe waren und heute nicht mehr: Stunden und Wirkung.

In der Industrialisierung galt: noch eine Stunde am Fließband bedeutet noch X Werkstücke. Mehr Zeit am Arbeitsplatz hieß automatisch mehr Output. Diese Gleichung trägt heute nicht mehr — nicht für Wissensarbeit, nicht für kreative Tätigkeit, und für KI-gestütztes Arbeiten erst recht nicht.

Was ein Mensch mit klarem Kopf in zwei konzentrierten Stunden produziert, schafft ein erschöpfter Mensch in acht Stunden nicht. Was ein Mensch mit den richtigen digitalen Werkzeugen in Minuten erledigt, hat früher Tage gedauert. Wer in dieser Welt weiterhin Stunden zählt statt Wirkung misst, hat den Strukturwandel nicht verstanden.

Die deutsche Müdigkeit ist kein Faulheitsproblem

Statistisch gesehen arbeiten die Deutschen schon heute länger als die meisten unserer europäischen Nachbarn. Wir haben mehr Burnout-Diagnosen, mehr psychische Krankheitstage und mehr stressbedingte Frühverrentungen als je zuvor. Die wirklich produktiven Volkswirtschaften — Norwegen, Dänemark, die Niederlande — arbeiten kürzer als wir, nicht länger. Und sie sind dabei pro Stunde produktiver.

Das ist seit Jahrzehnten bekannt. Es passt nur nicht in die Erzählung.

Wer als Antwort auf eine erschöpfte Belegschaft „dann eben noch länger“ fordert, handelt wie jemand, der einer Person mit Atemnot eine schwerere Tasche aufsetzt. Das löst kein Problem. Es verschärft es.

Was die Debatte ausspart

Mir fällt auf, was in der Diskussion um Arbeitszeit fast nie vorkommt: die Menschen selbst.

Niemand fragt, wie es Mitarbeitenden und Führungskräften eigentlich geht. Niemand fragt, was sie brauchen, um wirklich produktiv zu sein — nicht nur anwesend. Niemand fragt, wie viele heute morgens schon erschöpft ins Büro gehen, weil sie die Nacht durchgegrübelt haben. Und niemand fragt, was Menschen tatsächlich brauchen würden, um ihre Energie, ihre Klugheit, ihre Erfahrung wirklich einbringen zu können.

Stattdessen wird über die arbeitende Bevölkerung gesprochen, als wäre sie ein Aggregat, das man rauf- oder runterregeln könnte. Und genau da liegt der Denkfehler: Menschen sind keine Maschinen. Sie geben mehr, wenn sie sich gesehen fühlen — und sie geben weniger, wenn man sie unter Druck setzt.

KI verändert alles — wenn wir sie verstehen

An dieser Stelle kommt für mich die spannendste Verschiebung ins Spiel: Künstliche Intelligenz.

KI ist kein Faulmacher. Sie ist ein Klarmacher. Wer mit KI arbeitet — sei es ChatGPT, Claude oder andere Werkzeuge — merkt schnell: Die Maschine zwingt einen, präzise zu sagen, was man eigentlich will. Sie nimmt die mechanische Arbeit ab und gibt einem die kognitive zurück. Das ist eine riesige Chance.

Aber es ist auch eine Falle. Denn wenn die freigewordene Zeit einfach mit noch mehr Aufgaben gefüllt wird — noch mehr Meetings, noch mehr E-Mails, noch mehr Hektik —, ändert sich nichts am inneren Zustand. Die Erschöpfung bleibt, weil die Unruhe geblieben ist.

Klug arbeiten heißt deshalb: KI als Hebel nutzen, um weniger zu tun, was nicht zählt — und mehr von dem, was zählt. Mehr Reflexion. Mehr Qualität. Mehr Mensch-zu-Mensch. Und ja, auch mehr Pause.

Die eigentliche Frage

Statt zu fragen „Wie bringen wir Menschen dazu, mehr zu arbeiten?“, sollten wir uns trauen, eine andere Frage zu stellen:

Wie helfen wir Menschen, klüger zu arbeiten — und mit der gewonnenen Zeit ein Leben aufzubauen, das mehr ist als Leistung?

Diese Frage ist nicht weltfremd. Sie ist hochaktuell. Denn KI nimmt uns gerade in vielen Berufen Aufgaben ab, die früher den Tag gefüllt haben. Diese Luft, die jetzt entsteht, ist ein Geschenk — wenn man weiß, was man damit anfangen will. Sie ist eine Bedrohung — wenn die eigene Identität so sehr an Funktion und Output hängt, dass freie Zeit als Leere erlebt wird.

Genau hier setzt das an, womit ich seit über zwei Jahrzehnten arbeite: an der Selbstkenntnis, die einem erlaubt, mehr zu sein als die eigene Funktion. An der Selbstsorge, die den Körper, die Seele und die Beziehungen wieder ins Gleichgewicht bringt. An der Resilienz, die einen durch Übergänge trägt, ohne dass man dabei zerbricht.

Was bleibt

Die Forderung „mehr arbeiten“ ist die einfachste, erstbeste Antwort, wenn man die komplexere nicht denken will.

Die schwierigere — und wahrere — Antwort lautet: Produktivität ist heute ein Resultat von Klarheit, nicht von Härte. Wer sich kennt, wer gut für sich sorgt, wer seine Werkzeuge beherrscht statt sich von ihnen treiben zu lassen, der schafft mehr in weniger Zeit. Und der hat dann die Wahl, was er mit dem Rest macht.

Das ist keine Faulheit. Das ist Reife.

Und es ist, glaube ich, die Zukunft der Arbeit — ob die Politik sie schon erkannt hat oder nicht.

Cornelia Wirth ist Diplom-Pädagogin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, Coach und Autorin von »Fit für Leistung« (2014, 2. Auflage 2017). In ihrer Arbeit verbindet sie die Kommunikationspsychologie nach Schulz von Thun mit der hypnosystemischen Arbeit nach Gunther Schmidt. Mehr über ihre Arbeit unter wirthconsult.de — oder direkt im persönlichen Gespräch.